21 March 2026, 08:12

Gockels Wallenstein in Moskau: Sieben Stunden Theater zwischen Schiller und Prigoschin

Altes Buchcover mit einem Mann im Anzug und Krawatte, wahrscheinlich der Komponist von *Schaukel-Lied*, mit dem Titel in russischer Sprache.

Gockels Wallenstein in Moskau: Sieben Stunden Theater zwischen Schiller und Prigoschin

Regisseur Jan-Christoph Gockel inszeniert am Moskauer Meyerhold-Theater eine kühne, siebenstündige Neuerfindung von Schillers Wallenstein

Die Produktion verwebt das Kriegsdrama des 17. Jahrhunderts mit modernen Parallelen und bezieht sich dabei auf Aufstieg und Fall Jewgeni Prigoschins und seiner Wagner-Gruppe. Das Publikum erlebte eine Mischung aus Theaterstilen, schwarzem Humor und immersivem Storytelling.

Der Abend begann mit einer Vortragsperformance des russischen Künstlers Serge – besser bekannt als Sergei Okunew –, der Prigoschins Leben mit Satire und einem scheinbaren Ritual namens Ridiculus-Zauber erkundete. Sein Ansatz verwandelte Angst in Gelächter und setzte damit den Ton für die Verbindung von Geschichte und zeitgenössischer Politik, die die Inszenierung prägt.

Gockels Bearbeitung kürzte und ordnete Schillers Originaltext neu, füllte Lücken mit Prologen, Epilogen und modernen Einspielungen. Ein prägnanter Moment zeigte eine kleine Puppe des Schauspielers Samuel Koch, die von Michael Pietsch geführt wurde, während Koch selbst – seit einem Unfall 2010 gelähmt – mit minimaler Bewegung einen einzigen Satz sprach. Seine Darstellung Wallensteins erntete trotz der technischen Herausforderungen hohe Anerkennung.

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Der Kern der Inszenierung verband Wallensteins Verrat und Machtkämpfe mit Prigoschins Aufstand 2023. Okunew integrierte Videoaufnahmen von Wagner-Einsätzen, inszenierte Söldner als Prigoschin-Doubles und nutzte Requisiten wie vergoldete AK-47, um den Exzess des Oligarchen zu symbolisieren. Eine Live-Drohnen-Simulation rekonstruierte die Rebellion und verwischte die Grenze zwischen Theater und Realität.

Zwischen den dramatischen Szenen kochte das Ensemble auf der Bühne und verwandelte sich später mit komödiantischem Esprit in Wallensteins Soldaten. Im Segment Das Schlachtmahl in sieben Gängen prallten die beiden Erzählstränge – Wallensteins und Prigoschins – aufeinander und traten in Dialog, wodurch historische Themen in gegenwärtige Empfindungen verankert wurden. Die Aufführung endete mit einem hoffnungsvollen Zitat der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, das einen markanten Kontrast zu den düsteren Motiven des Abends bildete.

Publikumsbeteiligung spielte eine zentrale Rolle: Gockel setzte auf interaktive Vorträge und gemeinsame Mahlzeiten. Das Ergebnis war ein genreübergreifendes, ausuferndes Werk, das die Zuschauer zwang, sich mit Kriegsprofiteuren, Verrat und der zyklischen Natur der Macht auseinanderzusetzen.

Die siebenstündige Produktion verschmolz Schillers Klassiker mit schonungsloser zeitgenössischer Recherche. Indem sie Prigoschins Rebellion neben Wallensteins Untergang stellte, schufen Gockel und Okunew eine Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart. Das ehrgeizige Experiment des Meyerhold-Theaters hinterließ beim Publikum ein eindringliches Gefühl dafür, wie sich Geschichte wiederholt – und wie Theater ihre brutalen Mechanismen offenlegen kann.

Quelle